Theoretische Vorüberlegungen

Von der Forschungsgruppe Recht Raum NSU

English

In unserem Projekt setzten wir uns mit dem Komplex NSU-Prozess und der Rolle von Recht und Raum im NSU-Prozess auseinander. Die Beiträge auf diesem Blog werden für eine Broschüre gesammelt. Damit wollen wir einen möglichst breiten Zugang zu dem Themenkomplex schaffen und verschiedene Perspektiven abbilden, die unseres Erachtens mehr Öffentlichkeit erhalten müssen.

Das Gericht/Der Prozess als Raum

Raum umfasst für uns mehr als einen materiellen, physischen Ort. Wir verstehen ihn sowohl als Bedingung als auch Ergebnis von sozialem und sprachlichem Handeln. Die Bedeutung des „Gerichts/Prozesses als sozialer Raum“ bildet den Ausgangspunkt unserer Forschung. Welches Narrativ, welche Geschichte wird im Prozess neu geschrieben, kreiert, geschaffen? Wer schreibt dieses Narrativ zu welchem Zweck neu? Wie wird das Gericht als (eigener) Raum, gegenüber wem oder was und mit Hilfe welcher (Herrschafts-) Instrumente abgegrenzt? Damit ist unmittelbar die Frage verbunden, welche Arten von Zugängen es gibt bzw. wir (uns) erarbeiten können. Inwiefern sind räumliche sowie diskursive Ausschlüsse im Prozess vorhanden und warum sollten genau diese problematisiert werden? Es geht uns darum, Zugänge zu diskutieren, die eine andere Beschäftigung mit dem NSU-Komplex ermöglichen. Gleichzeitig bedeutet das jedoch nicht, dass wir alle offenen Fragen abschließend klären und beantworten können. 

Den NSU-Prozess begreifen wir als einen eigenen Diskurs im Sinne eines unter ungleichen Ausgangsbedingungen umkämpften sprachlichen und sozialen Handelns. Parallel dazu werden weitere, kritische Diskurse aus anderen Perspektiven zu dem NSU-Komplex und dem Prozess geführt, bspw. in zivilgesellschaftlichen Initiativen, den Untersuchungs-ausschüssen oder Medien. Wie wird mit parallel zum Prozess gewonnen Erkenntnissen umgegangen? Wir interessieren uns dafür, was im Rahmen des Diskurses im Prozess verhandelt wird, wie andere Diskurse davon abgegrenzt werden, welche Themen dadurch wegfallen oder welchen besondere Bedeutung zukommt.

Davon ausgehend soll also diskutiert werden, wie welche Themen und Taten im Prozess verhandelt werden und wie sich die Anklagepunkte zusammensetzen bzw. was in ihnen nicht enthalten ist. Welche politischen Dimensionen werden in dem Prozess bewusst gesteuert bzw. außen vorgelassen? Wie und warum wird durch die Nebenklagevertretung versucht, (Ermittlungs-)Erkenntnisse und (politische) Zusammenhänge in den Prozess hineinzutragen? Während der Prozess das Ziel verfolgt das “Thema NSU” abzuschließen, fanden seit der sogenannten Selbst-Enttarnung des NSU im November 2011 über 220 Straftaten mit Bezug auf diesen statt. In welchen Kontinuitäten steht der NSU? Wie werden weiterhin bestehende Netzwerkstrukturen des “isolierten NSU-Trios” im laufenden Prozess immer wieder dethematisiert und verleugnet?

Unsere Perspektive auf gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse im NSU-Prozess thematisiert Rassismus. Dabei wollen wir uns das Verhältnis von institutionellem Rassismus und gesellschaftlichem Rassismus genauer anschauen, wobei es um die Täter-Opfer-Umkehr, insbesondere hinsichtlich der Kriminalisierung der Angehörigen sowie um weißes Wissen und Rassismus in der deutschen Justiz geht.

Advertisements

2 Gedanken zu „Theoretische Vorüberlegungen

  1. Pingback: Alle sprechen vom Trio. Wer spricht von Rassismus? | nsuprozessentgrenzen

  2. Pingback: Our theoretical concept: »Court and Trial as Space« | nsuprozessentgrenzen

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.